Fotografie • Fotojournalismus

Contemplationes

Ausstellung in der Stadtgalerie E5, Mannheim

20.2. bis 31.5.2002

Einführung Thomas Schirmböck

»Contemplationes«, also Besinnung, Nachdenken und Innehalten, nannte Rainer Zerback diese Serie von Landschaftsfotografien, die zu eröffnen ich Sie ganz herzlich in der Stadtgalerie E5 begrüße.

Die Fotografie zählt zu den grafischen Künsten und ist unter diesen mittlerweile die umsatzstärkste auf dem Kunstmarkt. Fotografie kann banal, aufregend neu, böse und schön sein, oder eine Mischung aus den verschiedene Attributen, die man ihr zubilligen mag. Hierin unterscheidet sie sich nicht von den anderen Formen der Kunst.

Fotografie kann alles Mögliche sein, auf jeden Fall aber nicht eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der Realität. Rainer Zerback weiß um die Fußangeln, welche die Fotografie bereithält, bis sie einem aus ihr Schöpfenden schließlich erlaubt, Kunst zu produzieren – wissentlich oder ungewollt.

Bei dieser Serie »Contemplationes« begann alles mit jener Aufnahme eines menschenleeren Parkfeldes irgendwo in Spanien. Ein weiter Bildraum führt unsere Augen über einen sandigen, staubigen Platz, aus dem eine Vielzahl von Masten ragen. Ein Teil dient wohl der Beleuchtung, ein Teil scheint sinnlos aufzuragen. Geschützt werden sie durch Absperrgitter, auf einer vorbeistreichenden Straße sind ein Paar Mopeds unterwegs.

Die gesamte Szenerie wirkt verloren und rätselhaft.

Um zu diesem Bild zu gelangen, war die Aufnahme selbst jedoch nur der erste Schritt, denn erst die Bearbeitung in der Dunkelkammer ließ der Arbeit jenen magischen Impuls zuteil werden, der die gesamte Serie auszeichnet. Eine bewusste Reduzierung der Farbwerte erfüllt den Bildraum mit einer duftigen Farbigkeit, die gemeinsam in allen Arbeiten etwas aufschimmern lässt, das wir alle aus dem Erleben der Natur kennen. Die Luftperspektive ist schon seit vielen Jahrhunderten in der Malerei gebräuchlich. Wir selbst sind ihrer meist gewahr, wenn ferner Liegendes bei eigentlich schönem Wetter in zartem Blau verschwimmt. Dies Blau, das weiter in der Nähe gelegentlich einen beinahe milchigen Ton annimmt, vermag auch öde Ansichten zu verzaubern‚ nimmt aber auf jeden Fall den Dingen ihre Schärfe und einen Teil ihrer Farbigkeit.

Rainer Zerback Farbreduzierungen verfahren ähnlich mit uns. Allerdings geht er nicht den Weg, Soße über die Bilder zu gießen, sondern er entfernt die Farbe und dies keinesfalls gleichmäßig, sondern in bewusster, steuernder Gestaltung. Ich mag nicht auf die technischen Details seiner Arbeit eingehen, nur soviel: Rainer Zerback bearbeitet seine Abzüge nicht digital, vielmehr traditionell mit Filtern und Abwedeln in langwieriger Dunkelkammerarbeit. Die Resultate sprechen für sich und erlauben uns, Welten zu sehen, die wir nicht kennen und so auch nie sehen werden. Landschaftsfotografie kann eben mehr sein, als das Fotografieren von edelweißgeschmückten Matten oder der holsteinischen Seenplatte für die unendliche Reihe ungewollter Landschaftskalender. Als Claude Monet seinen Sonnenaufgang im Hafen malte – »Soleil Levante« – und in Paris ausstellte, wurde er beschimpft, dieses Bild sei ja nur eine Impression, ein Eindruck. Die Gescholtenen bedienten sich des Begriffes und traten fürderhin als Impressionisten auf.

Einen durchaus impressionistischen Charakter haben auch die Arbeiten, die wir hier versammelt sehen. Zum Teil in beinahe irritierender formaler Strenge geben sie doch der Entwicklung innerhalb des Bildes breiten Raum. Irgendwo am Ende einer schier endlosen hellen Wüstenei drückt sich ein verlorener Flugzeughangar in die Ecke und ruft seine Funktion in großen Buchstaben hinaus. Hinaus in eine Einsamkeit, die Bildmotive anziehend macht. Die Landschaften scheinen geradezu auf Menschen zu warten. Stehen Esel und Kuh in lautloser Stille neben einer schäbigen Hütte, vollbringt ein altertümlicher Lastwagen das Wunder, über das Wasser zu wandeln und ziehen sich Telegraphen- und Stromleitungen immer wieder durch den Bildraum oder in seine Tiefe. Auffallend sind die als Motiv immer wiederkehrenden Verkehrsmittel. Auf das abwesende Schiff wartet ein einsamer Kai, der schon erwähnte Esel, der Flugplatz, Straßen und Wege in beinahe allen denkbaren Daseinsweisen, Autowracks und noch betriebsbereite Automobile erzählen von der Wanderung und verweisen hiermit auch auf die Welt, in der sich der Künstler bewegt.

Rainer Zerback sucht die Orte, an denen er seine Motive aufnimmt, bewusst auf, er muss sie suchen, sie kommen als geographische Randlagen nicht zufällig in den Blick, sieht man einmal von dem pfälzischen Weizenfeld ab, das sich in sanftem Schwung zu einer fabrikartigen Scheune hinzieht.

Bei der formalen Gestaltung legt Rainer Zerback besonderes Augenmerk in dieser Serie auf die Valeurs, die Farbwerte und Farbtöne, mit denen er seine Arbeiten ausstattet. Mit Magenta und Mauvetönen, mit bräunlichen und manchmal beinahe ins Grüne spielenden Tönen nimmt er diese Werke bewusst aus ihrer Wiedergabefunktion heraus: diese Bilder tun nicht so, als ob sie ein Abbild der Wirklichkeit seien, sie bauen eine neue Welt, die sich aus dem Auge des Aufnehmenden, seiner Gestaltungslust und Konzeptionsfreudigkeit speist. Und so einladend die Orte auch zu sein scheinen, wissen wir so doch, dass sie für uns auf immer unerreichbar wären, haben wir uns ihnen in der Betrachtung der Fotografien mehr genähert, als wir es sonst jemals könnten. Diese Orte gehören dem Künstler und dass wir eingeladen sind, sie zu sehen, bereichert.

Thomas Schirmböck,
Fotogalerie Alte Feuerwache Mannheim

Rezension »Die Rheinpfalz«

Die Wirklichkeit hinter den Bildern

Arbeiten des Fotografen Rainer Zerback in der Stadtgalerie im Mannheimer Rathaus E5

Von unserem Redakteur Dietrich Wappler

Was zuerst auffällt, ist die fast unerträgliche Helligkeit. Es ist ein weißes Licht, ausgesandt von einer unerbittlichen Sonne, deren Hitze auf der Landschaft zu lasten scheint. Nur flirrende Fläche lässt dieses Licht zu und ausgebleichte Farben, Horizontlinien flimmern undeutlich in der Ferne. Das Licht hat Besitz ergriffen von dem kompletten Terrain, es gibt kaum Schatten, keine schützenden Winkel, keine dunkle Tiefe des Raumes. Stattdessen endlos weites Land, der Sonne ausgeliefert und von den Menschen verlassen.

Die Fotografien von Rainer Zerback, die in der Stadtgalerie E5 in Mannheim ausgestellt sind, scheinen mit dem Pinsel gemalt. Wie Aquarelle wirken die Landschaften mit ihren pastelligen Blau-, Pink- und Beigetönen. Aber es sind wirklich Fotografien, deren detailgenaue Schärfe überrascht und die dem Augenschein nach überbelichtet wirken. Die Zartheit der Farben und der Gestus der Empfindsamkeit, der über den Szenen liegt, steht allerdings in einem eigentümlichen Kontrast zu der Kargheit der Landschaft, die hier im Foto festgehalten wurde. Da gibt es Küstenstreifen, denen das Seegras fast grafische Strukturen verleiht, eine leere Straße verliert sich in bläulichem Nichts, ein verlassener Platz ist gespickt mit Masten wie mit vergessenen Zeichen.

Die Menschen sind nur noch als Zivilisationsspuren präsent, in Gestalt der Dinge, die sie hinterlassen haben. Man entdeckt Telegrafenmasten und einen Glockenturm, einen Ausguck am Strand und ein Autowrack. Ein winziger Lastwagen schiebt sich über eine überschwemmte Piste, in Sanddünen kauert ein »Aeroclub«. Dann tauchen doch noch vier Menschen auf, zwei Erwachsene und zwei Kinder, aber jeden Augenblick können sie verschwinden, weggespült vom Wasser oder geschluckt vom gleißenden Licht.

Die in der Mannheimer Ausstellung gezeigte Fotoserie trägt den Titel »Contemplationes«, keine der Aufnahmen enthält eine Ortsangabe. Dem 1958 in Stuttgart geborenen, heute in Mannheim lebenden Fotografen geht es also nicht um die Dokumentation eines identifizierbaren geografischen Ortes. Dass die Fotos in Spanien, Südfrankreich, Peru und anderen Ländern entstanden sind, ist kaum festzumachen. Seit mehr als zehn Jahren ist Zerback als Fotograf tätig, hat in Baden-Württemberg und in der Pfalz vielfach ausgestellt, daneben auch zahlreiche Beiträge über Fotografie in Fachzeitschriften veröffentlicht.

In seinen eigenen Arbeiten bewegt er sich im Grenzbereich von Landschaftsfotografie und konzeptioneller Fotografie. Es geht ihm also weniger um wiedererkennbare Wirklichkeit, als um eine innere Wirklichkeit, denen die Fotos ein äußeres Erscheinungsbild geben. Um diesen Eindruck zu verstärken, verändert Zerback in der Dunkelkammer die Farben der Aufnahmen durch Einsatz unterschiedlicher Filter. Die lichtdurchfluteten Pastelltöne sind also eine Täuschung, auch ein trüber Tag mit bedecktem Himmel kann hier zu einer sonnenhellen Szenerie werden.

Noch besser zur Geltung kämen diese eindrucksvollen Fotoarbeiten in einer richtigen Galerie. Davon kann nämlich in der nun vollmundig Stadtgalerie getauften früheren Rathaus-Galerie im alten Mannheimer Rathaus E5 nicht die Rede sein. Nicht leicht zu finden in der zweiten Etage, hängen die kleinformatigen Fotos ziemlich verloren an den beiden Wänden eines martialischen Korridors.

Die Rheinpfalz, Nr. 58, 9.3.2002, Kultur Regional

Rezension »Mannheimer Morgen«

Die Endlosigkeit fesselt

AUSSTELLUNG: Fotografien von Rainer Zerback in Mannheim

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Soltendiek

Eine Serie ungewöhnlicher, befremdlich und doch seltsam vertraut wirkender Fotografien sind in der aktuellen Ausstellung der Mannheimer Stadtgalerie E 5 zu sehen. Rainer Zerback, Jahrgang 1958, hat diese Werkreihe im Frühjahr 1999 begonnen und beabsichtigt, sie noch weiter auszubauen.

Ein demoliertes Auto liegt auf dem Dach in einer weitläufigen Wasserlache, der Fahrer des Landrovers hat angehalten, um sich das anzuschauen. Im Hintergrund steht eine graue Hütte. Alles ist grau auf diesem Foto: das Wasser, die Wolken, das Land, das verrottende Auto — nur das dumpfe Rot des Geländefahrzeugs unterbricht diese Monotonie. Ein anderer Eindruck: Steine, Sand, Geröll, ein spärlich bewachsener felsiger Hügel, dessen Spitze ins Meer ragt. Am Strand ein paar armselige Boote, davor ein Geländewagen: Zwischenstopp bei der Rallye Paris-Dakar? Oder eine Straße, von Strommasten flankiert. Rechts und links nur Sand. Direkt im Blickpunkt des Betrachters (des Fotografen) endet die ausgebaute Chaussee, wechselt übergangslos in eine Buckelpiste.

Allen Fotos eigen ist die sehr helle, aquarellige Färbung — Zartrosa, Zartblau, Zartgrau. Diese subtilen Farbverfälschungen sind von Rainer Zerback bewusst eingesetzt. Vordergrund, Horizont und Himmel fließen ineinander und die Blickpunkte sind so gewählt, dass die wenigen Sujets weit entfernt erscheinen. Der sie umgebende Raum, die Landschaft wird dadurch zum Augenmerk des Fotos. Nicht die Dinge sind wichtig, nicht der Ort ist es, sondern allein die Weite im Foto, im Raum. Diese Endlosigkeit fesselt, führt zu Besinnung und Konzentration. Der Künstler nennt die Serie irreal anmutender Landschaften daher auch »Contemplationes«, was ihrer Wirkung gut entspricht.

Schade ist, dass Interessierten in der Stadtgalerie keine Möglichkeit geboten wird, sich über Künstler und Werke zu informieren. Eine Vita, ein paar Hinweise zum Nachlesen, eine Preisliste dürften unschwer zu platzieren sein. Die Exponate zu sehen, sonst aber nichts weiter zu erfahren, ist schon das Äußerste an Anonymität.

Mannheimer Morgen, Nr. 64, 16.3.2002, S. 27