Fotografie • Fotojournalismus

Contemplationes

Ausstellung im Neuen Rathaus, Schömberg im Schwarzwald

10.4. bis 4.7.2003

Einführung Barbara Auer

Wir sind im digitalen Zeitalter angekommen. Das dürfte mittlerweile jedem bewusst sein, lag doch fast schon unter jedem Weihnachtsbaum eine Digitalkamera und hat nahezu bereits jeder einen solchen Apparat in der Hand gehabt. Und dennoch gehen wir davon aus, dass wir ein Abbild der Wirklichkeit vor uns haben, wenn wir Fotografien betrachten. Gerade deshalb meine ich, dass wir in unseren Sehgewohnheiten noch nicht so weit geschult sind, dass wir Fotografien auf ihren Realitätsgehalt und ihre mögliche Manipulation hinterfragen. In besonderem Maße werden wir damit konfrontiert, wenn es um Pressefotografien geht. Hier werden sich unsere Sehgewohnheiten in der Weise ändern müssen, dass wir uns fragen werden: Stimmt das überhaupt?

Der Künstler hat es in dieser Hinsicht einfacher. Er muss nicht beweisen, dass das, was er fotografiert, wahr ist. Wenn Sie sich die Fotografien von Rainer Zerback ansehen, dann spüren Sie – vielleicht nur ganz latent –, dass bei der Darstellung der Wirklichkeit etwas nicht stimmt. Es handelt sich jedenfalls nicht um Dokumentarfotografie. Wenn man diesen Ausstellungsraum betritt, bleibt man verblüfft stehen, weil man zunächst scheinbar nichts sieht, weil man Licht sieht. Die Kontraste sind gering in den Bildern, die Bildräume sind von hellem, gleißendem Licht erfüllt, die abgebildeten Landschaften lichtdurchflutet. Man ahnt bald, dass das mit Wirklichkeit wenig zu tun haben kann. Die Bilder, die Sie hier sehen, haben eher etwas Traumhaftes, etwas Entrücktes. Man spürt, dass hier mit verschiedenen Ebenen gearbeitet wird, die verhindern, dass sich beim Betrachter ein sofortiger Wiedererkennungseffekt einstellt und er das Bild abhakt.

Wenn wir uns den Bildern auf diese Weise genähert haben, sind wir auch schon mitten im fotografischen Konzept von Rainer Zerback, der sich seit 1989 der Fotografie zunehmend gewidmet hat. Von Beginn an waren Landschaften für ihn ein wichtiges Thema, und 1999 hat er die Werkgruppe Contemplationes begonnen. Es sind hier 19 Arbeiten zu sehen, doch die Serie ist »Work in Progress«; sie soll am Ende mindestens doppelt so viele Bilder umfassen. Bei Landschaftsfotografie will man meist wissen, wo die Bilder aufgenommen worden sind. Doch da wird der Betrachter im Unklaren gelassen, die Bildtitel beinhalten nicht den Entstehungsort, eventuelle Kommentare fehlen. Die Serie wird lediglich in römischen Ziffern von 1 bis 19 durchgezählt. Es steckt natürlich ein bestimmter Anspruch dahinter, dass der Künstler die Orte nicht benennt. Es geht ihm nicht darum, dem Betrachter in irgendeiner Form einen konkreten Ort, sei es in Spanien, sei es in Südamerika, wo viele Bilder aufgenommen worden sind, näher zu bringen, sondern gerade darum, die Orte zu anonymisieren; es geht um das Bild an sich.

Das Charakteristische der Arbeiten von Rainer Zerback ist sicherlich die Farbigkeit. Wenn ich von Farbigkeit spreche, meine ich nicht knallige Farben im Sinne der Pop Art, sondern die dezente, zurückhaltende Farbigkeit dieser Fotografien. Es sind Pastelltöne, zartes Rosé, ganz zarte Gelb- und Beigetöne, lindgrüne Töne, helles Blau; es ist ein zurückhaltendes Farbspektrum. In vielem, was über Rainer Zerbacks Serie Contemplationes gesagt und geschrieben worden ist, kommt der Vergleich mit dem Aquarell vor, der in der Tat sehr nahe liegt. Das Charakteristische der Aquarellmalerei ist die lasierende Technik, mit der mehrere Farbschichten transparent übereinander gelegt werden können. Die Helligkeit und Leichtigkeit des Aquarells ist den Fotografien der Serie Contemplationes sehr verwandt. Durch die offenen, luftigen Bildräume hat man das Gefühl, die Bilder schwebten im Ausstellungsraum, ohne eigentlichen Wandkontakt. Von der Farbigkeit, dem spezifischen Farbvaleur der Bilder, fühlt man sich als erstes angezogen. Beim näheren Betrachten und Ergründen der Motive, erlebt man allerdings eine Überraschung, denn die Bilder sind nicht unscharf, sondern offenbaren exakte, brillant gezeichnete Details.

Die beiden Pole Motiv und Farbe bestimmen das fotografische Vorgehen von Rainer Zerback. Das Motiv nimmt er in traditioneller Weise mit einer Mittelformatkamera in den jeweiligen Landschaften auf. Dann kommt der zweite Schritt, der genauso wesentlich ist, nämlich die Laborarbeit. Ich habe vorhin vom digitalen Zeitalter gesprochen, aber dabei noch nicht erwähnt, dass diese Arbeiten ganz klassisch, also analog hergestellte Fotografien sind. Wenn ich von Laborarbeit spreche, meine ich aufwendige Arbeitsprozesse, wie Feintuning der Farbfilterung, Abwedeln und Nachbelichten. Das Repertoire der klassischen Laborarbeit wird eingesetzt, um den Bildern zu ihrem typischen Charakter zu verhelfen. Das sind sehr zeitintensive Abläufe, bis sich das innere Bild, das Rainer Zerback hat, auf dem Abzug manifestiert.

Zu den Motiven. Man sieht weite Landschaften, die einen förmlich durchatmen lassen, und man hat das Gefühl, in einem riesigen Raum zu sein. Durch diese Weite ziehen die Arbeiten den Betrachter wie ein Sog in das Bild hinein. Der klassische Bildaufbau umfasst bekanntlich Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund. Rainer Zerback teilt seine Bilder gerne so ein, dass der Vordergrund zwei Drittel der Bildfläche einnimmt oder umgekehrt riesige Horizonte zwei Drittel der Bildfläche darstellen. Damit entstehen große, weite Flächen in den Bildern, die letztlich für die angesprochene Sogwirkung verantwortlich sind.

Rainer Zerback konfrontiert uns mit unterschiedlichen Landschaften: wüstenartige Landschaften, Strande, Meer; es sind aber auch Straßen und Plätze zu sehen – Orte, die als Motive gar nicht spektakulär sind. Es sind teilweise fast Un-Orte, die gar nicht fotografierwürdig erscheinen, bei denen man sich fragt, ob das Motiv eine Fotografie hergibt. Versuchen Sie einmal, in Gedanken das Bild mit dem Vier-Sterne-Hotel Don Ignacio in seine richtigen Farben zurückzuverwandeln. Mit einem solchen realen Bild würde das Hotel sicherlich nicht werben, und spektakulär ist das Motiv auf diese Weise nicht. Oder drehen Sie das Bild mit den Stangen farblich zurück: Das ist gewiss nicht das, was Sie sich versprechen, wenn Sie ein Bild aufnehmen. Erst die gezielt eingesetzte Farbigkeit wertet die Motive auf, verleiht ihnen Spannung.

Es geht Rainer Zerback nicht darum, schöne Landschaftsbilder zu zeigen, eine Idylle zu reproduzieren, es geht ihm auch nicht darum, eine romantische Naturvorstellung abzubilden. Ich glaube dennoch, dass in den Bildern etwas enthalten ist, was uns alle anspricht. Es gibt wohl in jedem Menschen die Sehnsucht nach dem Paradies in der Natur. Je weiter wir uns von der unberührten Natur entfernt haben, desto mehr suchen wir nach ihr – eine Natur, die es, wenn wir es uns vom Verstand her bewusst machen, real auf unserem Globus überhaupt nicht mehr gibt. Mit der hohen Farbästhetik seiner Bilder spielt Rainer Zerback mit dieser Sehnsucht. Ist der Betrachter dadurch in das Bild gezogen, merkt er, dass das Ästhetische durch das Motiv gebrochen, in Frage gestellt wird. Es finden sich in allen diesen Bildern Spuren des Menschen, aber der Mensch selbst ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, abwesend. Solche Spuren sind Straßen, Lichtmasten, Hotels, Autos – Autos, die intakt sind und aus denen gerade jemand ausgestiegen sein könnte, oder Autowracks. Es sind Bildelemente, die Irritationen auslösen, die ein Spannungsfeld zwischen der hochästhetischen Farbigkeit und den zum Teil banalen Alltagsgegenständen erzeugen. Zwischen den Polen Natur und Kultur bewegen sich die Fotografien Rainer Zerbacks.

Die Serie heißt Contemplationes, impliziert also Kontemplation, gedankenreiche Betrachtung oder tiefe Versenkung, bei der es auch um spirituelle, religiöse oder philosophische Gedanken gehen kann. Ich denke, dass die Arbeiten diese Kontemplation auch anbieten. Wenn man vor den hellen, weiten Lichträumen steht, beginnt etwas innerlich zu schwingen, kann man sich gedanklich intensiv auf diese Arbeiten einlassen. Und dennoch – so geht es zumindest mir – ist nicht nur reine Ruhe, sondern immer auch Melancholie zu spüren. Warum sind die Landschaften verlassen? Wo sind die Menschen? Die Arbeiten haben etwas Geheimnisvolles, Märchenhaftes, Traumhaftes, Mysteriöses. Es gibt auch Bilder, die bei mir Unbehagen erzeugen, die – das ist meine persönliche Interpretation – die Vision einer Endzeitstimmung beinhalten.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Robert Musil, der die Frage stellt: »Was bleibt von der Kunst? Wir als Geänderte bleiben!«

Barbara Auer,
Kunstverein Ludwigshafen