VUCA World
Doppelausstellung mit Maxim Dondyuk in der Städtischen Galerie Ostfildern
01.02. bis 07.04.2026
Einführung Katrin Burtschell
Sehr geehrter Herr Rommel, liebe Holle, lieber Rainer, dear Maxim, liebe Gäste,
die Zeit steht still in den Bildern der beiden Fotografen Maxim Dondyuk und Rainer Zerback.
In Maxim Dondyuks White Series ist sie gleichsam eingefroren. Wir sehen zerfallene Gebäude, die nur noch wie Kulissen wirken, geborstene Äste, von einer unsichtbaren Zerstörungswut geknickt. Strommasten, deren Leitungen in die Leere tasten, keine Verbindung mehr finden.
Diese Bilder sind scheinbar zeit- und ortlos. Ein Augenblick wird erfasst, der weder Anfang noch Ende hat. Doch es ist »der Augenblick der Tyrannei, der Zerstörung«[1].
Auch in Rainer Zerbacks Places of Interest wirkt die Zeit wie eingefroren. Menschen erstarren in ihren Posen, obwohl alle in Bewegung sind. In den Contemplationes löst sich alles auf, ein heller Farbnebel lichtet sich, entblößt Spuren eines »es war einmal«.
Sich Zeit nehmen und sich Zeit lassen liegt den Werkserien beider Fotografen zugrunde. Sie sind über einen langen Zeitraum entstanden. Zerbacks Contemplationes beginnen bereits Anfang der 2000er Jahre.
Rezension »Stuttgarter Zeitung« - 09.02.2026
Nachdenken in Bildern
Hotspots und leere Winterlandschaften: Die Ausstellung in der Galerie der Stadt Ostfildern »VUCA World« verbindet die Werkserien von Rainer Zerback und Maxim Dondyuk.
Von Petra Bail
Ostfildern. Der ukrainische Dokumentarfotograf Maxim Dondyuk, der derzeit in Paris lebt und arbeitet, und der Ludwigshafener Fotograf Rainer Zerback zeigen ihre Arbeiten gemeinsam in der Doppel-Ausstellung »VUCA World«. Präsentiert werden zwei fotografische Positionen, die sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Landschaft auseinandersetzen. Der Ausstellungstitel ist ein englisches Akronym für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, erläutert die Kunsthistorikerin Katrin Burtschell bei der Vernissage.
Der Krieg verstummt unter einer kalten Schneeschicht
Dondyuk ist mit zwei Werkserien vertreten. In »Between Life and Death« zeigt er die kriegsverletzte Donbas-Schneelandschaft, in »White Series« den geschundenen Süden der Ukraine. Kämpfe sind auf den Bildern nicht zu sehen. Vielmehr prägen zerstörte Gebäude, geknickte Bäume und eine weiße, menschenleere Winterlandschaft die Motive. Es ist eine »verletzte Landschaft, als Synonym für eine verletzte Seele, für Sprachlosigkeit und Schmerz«, so Burtschell.
Der Fotograf bringt seine persönlichen Empfindungen angesichts der Zerstörung durch visuelle Ästhetik und technische Mittel zum Ausdruck. Die Aufnahmen zeigen die brutalen Folgen eines sinnlosen Krieges, denen sich die Betrachtenden nur schwer entziehen können. Sichtbar wird das, was bleibt, wenn der Krieg unter einer kalten Schneeschicht verstummt. Es sind Bilder, die zutiefst berühren. »Man könnte von einem fotografischen Impressionismus sprechen«, sagt die Kunsthistorikerin, »von einer malerischen Stimmungslandschaft. In diesen Szenarien entsteht eine bedrückende Schönheit.«
Einen anderen Blick auf das Verhältnis von Mensch und Umwelt werfen die Arbeiten von Rainer Zerback. Seine Serie »Places of Interest« zeigt Besucherschlangen vor dem Brandenburger Tor, von Menschen geflutete Niagara-Fälle oder sich drängelnde Boote in der Verdonschlucht. Die Absurdität des Massentourismus spiegelt sich in Fotomontagen wider, die auf den ersten Blick KI-generiert erscheinen.
Tatsächlich fertigt Rainer Zerback hunderte von Einzelaufnahmen an, die er am PC überlagert und zu einem Bild zusammenfügt, bis das künstliche Szenario stimmig ist. Die dargestellten Personen wirken distanziert, werden jedoch von der Kamera aus der Anonymität geholt, während der jeweilige Tourismus-Hotspot zur Staffage gerät.
In der Serie »Contemplationes« ist der Mensch vollständig abwesend; lediglich ein Pool und ein Sportfeld lassen vermuten, dass dort einmal Leben war.
Lichte Räume bieten viel Platz für eigene Empfindungen
Galerieleiterin Holle Nann hat für die Ausstellung bewusst nur 16 der sehr unterschiedlichen Arbeiten ausgewählt. Die lichten Räume bieten viel Platz für eigene Empfindungen und zum Nachdenken. Wie Katrin Burtschell erläutert, sei es für die Kuratorin eine Frage der Zeit gewesen, wann und in welchem Kontext sie die Arbeiten von Maxim Dondyuk zeigen würde.
Dem Krieg könne man sich nicht mehr entziehen. Ziel sei es gewesen, eine Brücke zum Betrachter zu schlagen – als Dialog zweier fotografischer Positionen, die am Ende die Frage stellen: »Hat das etwas mit mir zu tun?«
+ Die Schau ist bis zum 7. April zu sehen. Am 29. März, um 16 Uhr, findet ein Künstlergespräch mit Rainer Zerback statt.

