Fotografie

VUCA World

Doppelausstellung mit Maxim Dondyuk in der Städtischen Galerie Ostfildern

01.02. bis 07.04.2026

Rundgang

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Einführung Katrin Burtschell

Sehr geehrter Herr Rommel, liebe Holle, lieber Rainer, dear Maxim, liebe Gäste,

die Zeit steht still in den Bildern der beiden Fotografen Maxim Dondyuk und Rainer Zerback.

In Maxim Dondyuks White Series ist sie gleichsam eingefroren. Wir sehen zerfallene Gebäude, die nur noch wie Kulissen wirken, geborstene Äste, von einer unsichtbaren Zerstörungswut geknickt. Strommasten, deren Leitungen in die Leere tasten, keine Verbindung mehr finden.

Diese Bilder sind scheinbar zeit- und ortlos. Ein Augenblick wird erfasst, der weder Anfang noch Ende hat. Doch es ist »der Augenblick der Tyrannei, der Zerstörung«[1].

Auch in Rainer Zerbacks Places of Interest wirkt die Zeit wie eingefroren. Menschen erstarren in ihren Posen, obwohl alle in Bewegung sind. In den Contemplationes löst sich alles auf, ein heller Farbnebel lichtet sich, entblößt Spuren eines »es war einmal«.

Sich Zeit nehmen und sich Zeit lassen liegt den Werkserien beider Fotografen zugrunde. Sie sind über einen langen Zeitraum entstanden. Zerbacks Contemplationes beginnen bereits Anfang der 2000er Jahre.

Dondyuks Anfänge der White Series lassen sich zurück ins Jahr 2017 datieren. Sie besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil mit dem Titel Between Life & Death entstand im Winter 2017 in der Ostukraine. Dieses erste Kapitel zeichnet die Frontlinien kurz nach dem Ende der ersten Kämpfe im Donbass nach. »Schnee bedeckt Schützengräben, Ruinen und verlassene Stellungen, dämpft die Gewalt und verwandelt sie in stille Schwellen zwischen Leben und Tod«[2].

Das zweite Kapitel beginnt mit dem 24. Februar 2022. Der Fotograf betrachtet den Krieg nicht durch die Augen der Kämpfer, sondern lenkt den Blick auf das, was bleibt, wenn er verstummt.

Doch wann beginnt, wann verstummt ein Krieg? Heilt Zeit Wunden?

Einige von Ihnen kennen vielleicht Maxim Dondyuks Bilder, die die Geschehnisse auf dem Maidan Platz in Kiew Ende 2013/Anfang 2014 dokumentieren. In einer malerischen, fast schon barocken Manier aus Licht und Schatten, aus Schlaglichtern setzte der Fotograf die Geschehnisse damals, den Kampf der Bürger um ihre Unabhängigkeit dramatisch in Szene.

In den White Series sucht und findet Dondyuk einen neuen Ausdruck, eine neue Form, in der sich die Dokumentation auflöst zugunsten eines ganz persönlichen, subjektiven Wahrnehmens und Empfindens. Diese Bilder zeigen eine verletzte Landschaft als Synonym für eine verletzte Seele, für Sprachlosigkeit und Schmerz.

Er beschreibt es in seinem Statement zu dieser Serie mit eigenen Worten folgendermaßen: »Nach allem, was ich gesehen und erlebt habe, kann ich nicht zurückkehren zu dem, was ich einst war. In diesem Raum der Leere, durch den Krieg zerrissen, verlieren wir unsere Essenz. Was bleibt von einer Person, die Zeuge von Zerstörung wurde? Vielleicht nur die Kälte und Stille, die die Seele durchdringt. Wir werden Teil der Leere, und die Leere wird Teil von uns.«[3]

Als Betrachter aus der Ferne, aus der Sicherheit heraus bleibt dieses Empfinden für uns ein abstraktes. Für die Kuratorin der Ausstellung, Holle Nann, war es eine Frage der Zeit, wann und in welchem Kontext sie die Arbeiten Maxim Dondyuks hier in der Galerie zeigen würde. Der Krieg in der Ukraine ist inzwischen so nah an uns herangerückt, neben all den anderen weitreichenden geopolitischen Geschehnissen, dass sich dem keiner mehr entziehen kann. Für sie war es wichtig, eine Brücke zu schlagen zu uns, zum Betrachter, und dieser Brückenschlag erfolgt durch den Dialog zweier unterschiedlicher fotografischer Positionen. So treffen hier in diesem Raum unter dem Begriff VUCA World Maxim Dondyuks Arbeiten auf die fotografischen Fragestellungen und Perspektiven Rainer Zerbacks und stellen an uns die Frage: Hat das etwas mit mir zu tun?

In beiden Bildwelten treffen wir zunächst auf uns Vertrautes: Natur, Landschaft, Gebäude, Dinge.

Beim genauen Hinsehen, beim Sich-Einlassen auf das Gezeigte beginnt die Irritation. In Maxim Dondyuks Fotografien treten Zeichen der Zerstörung, die Handschrift des Krieges unter der weißen, auch verzaubernd anmutenden Schneeschicht hervor. »Die Abwesenheit des Menschen lässt die sinistre Stimmung eines nuklearen Winters aufkommen. Es fühlt sich an, als wäre das alles, was von unserem Planeten übrigbleibt nach unzähligen Jahren. Endlose Kälte und Leere, Ruinen einer untergegangenen Zivilisation. Die betäubende Stille lastet so schwer, als würde sich die Erde selbst an die Schlachten, die hier einst ausgefochten wurden, erinnern.«[4]

Dondyuk benutzt die Worte des chinesischen Weisen Lao Tse zur Beschreibung seiner White Series: »Wo immer Armeen hintreten, verwandelt sich das Land in eine Ödnis, überwuchert von Dornen und Gestrüpp.« Dondyuks Blick in die Leere ist wie eine stille Meditation über den Krieg und führt uns dessen Absurdität eindrücklich vor Augen.

Die Hängung der Bilder hier in der Galerie ist eine sehr reduzierte, weite, die Raum fürs Nachdenken, fürs Erspüren und Erfahren lässt. Und in der sich die beiden unterschiedlichen Bildwelten berühren, aber auch für sich stehen können.

Rainer Zerback evoziert mit seiner Serie der Contemplationes ebenfalls eine nachdenkliche Stimmung und Irritation. Er spielt mit dem Szenario einer Welt ohne uns. Was bleibt von uns, vom Zeitalter des Anthropozäns?

Wir blicken auf die Spuren menschlicher Zivilisation – ein Basketballfeld, ein Swimming Pool. Der Künstler lenkt unseren Blick durch die gezielte Bildbearbeitung auf alltägliche, profane Gegenstände. Er lässt uns über unsere Dingwelt nachdenken. Die Dinge sind intakt, der Mensch scheint die Bildfläche gerade erst verlassen zu haben. Die große Katastrophe, sie findet nicht statt.[5] Diese Bilder sind keine Dystopien, sondern wie der Titel schon sagt, Bild gewordene Nachdenklichkeit. Das Sinnieren über etwas, was uns als Menschen auszumachen scheint. Das Entrückte, Romantische steht im Vordergrund.

Der erste Teil dieser Serie ist zwischen den Jahren 2000 und 2015 entstanden. Ihrer Entstehung liegt eigentlich ein Zufall zugrunde, indem der Künstler die Bilder beim Vergrößern im Fotolabor zu sehr aufgehellt hatte. Daraus entstand das bewusste Suchen nach dem Moment, in dem Bild und Aussage funktionieren. Setzte Rainer Zerback die Bilder anfangs noch analog um, so entstanden sie ab 2022 digital, wobei es ihm wichtig war, die analoge Ästhetik ins Digitale zu übertragen. Die Komposition ist klar und streng, der Ort an sich spielt keine Rolle, die Ästhetik bildet die Einheit.

Man benötigt Zeit, um die Fotografien von Rainer Zerback vollständig zu erfassen. Die Places of Interest spielen genau mit diesem Phänomen. Auf den ersten Blick findet ein vertrauter Wiederkennungseffekt statt. Wir erkennen unschwer die Hotspots des Massentourismus: Brandenburger Tor, Zabriskie Point, Ostende, die Niagarafälle oder den Gorges du Verdon.

Die ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Natur, Mensch und Urbanität wird in dieser Serie genauso thematisiert wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, welche besonders stark auf der großformatigen Sicht in den Gorges du Verdon augenfällig wird. Rainer Zerback spiegelt uns Phänomene und Absurdität des Massentourismus in realistisch wirkenden Fotomontagen wider.

Genau hier findet wiederum die Irritation statt. Wir blicken auf den belebten Platz vor dem Brandenburger Tor, auf die der Schlangenlinie von Zabriskie Point folgenden Menschen.

Ganz normal, denken wir zunächst, Massentourismus eben, aber etwas stimmt da nicht. Der Schauplatz wird zur Kulisse des Regisseurs Rainer Zerback, der sein persönliches Schauspiel inszeniert und seine Komparsen so lange im Bild anordnet und verteilt, bis es für ihn stimmig ist. Hunderte von Ausgangsbildern ergeben ein Bild. Dabei interessiert ihn, wie oft sich das Thema variieren lässt: bleibt es ähnlich oder verändert sich die Wirkung, je nachdem, welchen Schwerpunkt er setzt.

Was auf den ersten Blick real wirkt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als künstliches Szenario. Die Zeit steht still, es finden keine Überschneidungen statt, die Menschen treten nicht in Interaktion, alles ist auf die Kamera ausgerichtet. Die Verteilung ist wohlkomponiert.

Bei touristischen Hotspots hofft man, auf das Idyll und die Einsamkeit zu stoßen, ist dann aber enttäuscht, dass die anderen, die mit derselben Absicht kamen, auch dort sind. Die störende Masse wird in den Bildern Zerbacks aber wieder zum Individuum, indem er die Individuen in der Masse vereinzelt. Es geht nicht um Anonymität – im Gegenteil, der Künstler will der Masse wieder ein Gesicht geben. Nicht der Spot steht im Mittelpunkt, sondern der Selbstbezug, die heute so beliebte Selfie-Pose.

Zerback spielt mit Distanz und Nähe, durch die Unmöglichkeit der Situation, durch die Überlagerungen wird alles absurd distanziert. Dabei verliert die Distanz aber nicht die Details aus dem Blick, sondern rückt sie in den Fokus. Seine weiten Ansichten aus erhöhter Perspektive sind nötig für die Staffelung der Menschen in der Tiefe. Linienführung, Achsen, Fluchtlinien und Perspektive spielen eine zentrale Rolle. Zerbacks Fotografien zeichnen sich durch konzeptuelle Klarheit, formale Strenge und inhaltliche Vielschichtigkeit aus. Wichtig ist dem Fotografen, dass es ein Thema gibt und eine Aussage, die über das reine handwerkliche Können und das professionelle Umsetzen hinaus gehen.

Das Miteinander der Places of Interest, der Contemplationes, der White Series, Between Life & Death verfolgt eine Spur, die von der Normalität unseres Alltags, gelebt und erlebt an den Hotspots dieser Welt, über den Moment des Bruchs, der Störung unseres Alltags durch Krieg und massive Eingriffe in die Natur bis hin zur Welt ohne uns verläuft. VUCA World – das englische Akronym für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit – bezeichnet die Unvorhersehbarkeit, Fragilität und Instabilität einer komplexer werdenden Welt.

Fotografie kann die Zeit anhalten – kann sie aber auch die Zukunft vorwegnehmen? Das spannende Thema bei der Fotografie ist und bleibt die Frage nach der Wahrheit, das Spannungsfeld aus Dokumentation und Inszenierung. Jeder Fotokünstler bewegt sich mit seiner Kamera in diesem Spannungsfeld. Fotos werden von uns als Teile der Realität empfunden. Sie scheinen der unwiderlegliche Beweis dafür zu sein, dass ein bestimmtes Ereignis sich tatsächlich so abgespielt hat. Das Foto beweist, dass etwas existiert oder existiert hat.

»Fotos liefern Augenblicksgeschichte, Augenblickssoziologie, Augenblicksteilnahme«, schreibt Susan Sontag in ihrem bedeutenden Essay On Photography 1977.

Die Fotografie erhebt den Anspruch der Realität, des »Es-ist-so-gewesen«[6].

Rainer Zerback reist gezielt an Orte, an denen er das Ausgangsmaterial, nicht aber das Bild selbst findet; dieses erfindet er dann zuhause am PC. Rainer Zerback spricht von der Transformation der Wirklichkeit[7].

Als Fotojournalist, Dokumentarist in gefährlichen Grenzbereichen zwischen Leben und Tod, zwischen Miteinander und Gegeneinander ist die Frage nach der Wirklichkeit werkimmanent in Maxim Dodyuks Fotografien. Der Künstler Dondyuk dokumentiert aber vor allem das eigene Empfinden mittels visueller Ästhetik und technischer Mittel. Man könnte von einem fotografischen Impressionismus sprechen, von einer malerischen Stimmungslandschaft – in diesen Szenarien entsteht eine bedrückende Schönheit –, aber auch von einer expressiven Kalligraphie der Seele. Die zerstörten Strommasten und Betonpfosten zeichnen suchende Linien, die gebrochenen Äste der Bäume klingen in unserer Seele wie ein Aufstöhnen, wie ein Ächzen. Sie muten an wie der Tanz der Finsternis, der japanische Butoh.

Betrachten wir den Begriff Ästhetik in seiner ganz ursprünglichen Bedeutung, altgriechisch aísthēsis, bedeutet er Wahrnehmung.

Das sind die Bilder Maxim Dondyuks in aller erster Linie – Wahrnehmung. Er nimmt wahr, dass Krieg zerstört, doch er zerstört nicht die Leere; er öffnet sie lediglich. »Und wenn wir lernen, in dieser Stille zu verweilen, werden wir verstehen, dass Leere nicht das Ende, sondern der Anfang ist. Die Leere verlangt nicht, gefüllt zu werden – sie lädt ein. In ihrer Stille offenbart sich der Weg, wo Zerstörung und Schöpfung zwei Seiten desselben Ganzen sind. Wenn wir lernen, in dieser Stille zu verweilen, entdecken wir vielleicht, dass Leere nicht Abwesenheit, sondern ein Feld der Möglichkeiten ist«[8].

So beschreibt der Künstler den Ausgangspunkt seiner White Series.

Die White Series berühren uns als Betrachter so unglaublich tief, weil sie die Sprachlosigkeit, die Verletzlichkeit des Individuums anhand der Landschaft sichtbar machen. Landschaft wird erst durch uns Menschen, durch unsere Wahrnehmung, unser Intervenieren zu dem, was sie ist. Dass sie uns aber nicht braucht, das teilen uns wiederum die Bilder Rainer Zerbacks mit.

»Die Zeit steht still. Wir sind es, die enteilen.« (Mascha Kaléko)

[1] Maxim Dondyuk, Artist Statement White Series
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Vgl. Lotte Dinse, Welt ohne uns, in: Rainer Zerback, The World Without Us, Berlin 2023, S.7
[6] Roland Barthes, Die helle Kammer, Paris 1980
[7] Vgl. Kerstin Stremmel, Das Reale im Surrealen, in: Rainer Zerback, AUSSENLAND, Neulingen 2024, S.96ff
[8] Maxim Dondyuk, Artist Statement White Series.

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Rezension »Stuttgarter Zeitung« - 09.02.2026

Nachdenken in Bildern

Hotspots und leere Winterlandschaften: Die Ausstellung in der Galerie der Stadt Ostfildern »VUCA World« verbindet die Werkserien von Rainer Zerback und Maxim Dondyuk.

Von Petra Bail

Ostfildern. Der ukrainische Dokumentarfotograf Maxim Dondyuk, der derzeit in Paris lebt und arbeitet, und der Ludwigshafener Fotograf Rainer Zerback zeigen ihre Arbeiten gemeinsam in der Doppel-Ausstellung »VUCA World«. Präsentiert werden zwei fotografische Positionen, die sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Landschaft auseinandersetzen. Der Ausstellungstitel ist ein englisches Akronym für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, erläutert die Kunsthistorikerin Katrin Burtschell bei der Vernissage.

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