Fotografie • Fotojournalismus

Warum Bildgestaltung?

Wenn wir Bilder betrachten, nehmen wir die Komposition selten auf den ersten Blick bewusst wahr. Erst wenn wir selbst ein Bild fotografieren, wird uns plötzlich klar, dass wir es gestalten müssen. Den Baum bei der Aufnahme in die Mitte platzieren oder zum Rand versetzen? Das Porträt am Hals enden lassen oder erst an der Brust? Die Geschwindigkeit eines Formel 1-Rennwagens scharf oder verwischt im Bild darstellen?

Warum ist eine solche bewusste Gestaltung eines fotografischen Bildes notwendig? Weshalb genügt es nicht, mit der Kamera einfach auf das Motiv »draufzuhalten«? Ganz einfach: Weil das Bild dann nicht das zeigen würde, was wir zeigen wollen. Offenbar ist die Welt des Bildes eine andere als die wirkliche Welt. Und das hat verschiedene Gründe:

  • Das fotografische Bild enthält keine Information über Geräusche, Gerüche, Geschmacksqualitäten, Tastempfindungen oder die Temperatur der realen Situation, die es abbildet.
  • Mit der Aufnahme wird aus dem zeitlichen Kontinuum des realen Geschehens ein nahezu ausdehnungsloser Moment herausgerissen und im Bild fixiert.
  • Der dreidimensionale reale Raum verliert im zweidimensionalen Bild die Dimension der Tiefe. Es gehört unter anderem zu den kompositorischen Fähigkeiten des Fotografen, die Illusion von räumlicher Tiefe im Bild herzustellen, und der Vortrag stellt die Mittel vor, mit denen dies gelingt.
  • Jedes Bild zeigt lediglich einen Ausschnitt aus der Umgebung des Kamerastandpunktes. Der Fotograf entscheidet im Hinblick auf seine Bildintention darüber, welchen Teil der Wirklichkeit er herausgreifen und im Bild zeigen will.

Hält man sich all dies vor Augen, wird klar, warum wir immer wieder über Bilder enttäuscht sind, die so gar nicht dem erinnerten Empfinden und Erleben der fotografierten Situation entsprechen. Eines der Ziele der bewussten Bildgestaltung ist es, die Wirklichkeit mit den Mitteln der Fotografie zu rekonstruieren. Oder eine neue zu konstruieren, um ein anderes Ziel der Bildgestaltung zu nennen. In welcher Absicht auch immer, in fast allen Fällen geht es darum, stimmige, harmonisch erscheinende Bilder zu schaffen. Glücklicherweise gibt es in der Fotografie ebenso wie in der Malerei Gestaltungsregeln, die dabei eine Hilfe sind.

Die Kenntnis der Kompositionsregeln ist die grundlegende Voraussetzung für die professionelle Erstellung von Bildern, unabhängig davon, ob man sie anwendet oder nicht. Denn auch der bewusste und mit Grund eingesetzte Verstoß gegen die Regeln setzt ihre Kenntnis voraus. Die richtige Balance zwischen Regelbefolgung und Regelverstoß zu finden, ist das Geheimnis guter Fotografie. Punkt, Linie, Fläche, Farbe, Kontrast – der gekonnte fotografische Umgang mit diesen und anderen Kompositionselementen ist Voraussetzung dafür, ob der Inhalt eines Bildes beim Betrachter ankommt oder nicht.